Ordnung muss sein.

…sagte mein Opa immer. Als das Taschengeld für alle Enkelkinder aufgeteilt wurde. Bei der Organisation des Haushaltes. Und als mein Vater sich dazu entschloss noch einmal zu heiraten. „Das sollte er schon ruhig machen. Ordnung muss sein.“

Diese Ordnung ist durcheinander. Die Dinge sind nicht mehr, wie sie einst waren.

Ordentlich befüllte Schränke werden ausgeräumt. Abgeheftete Akten, Papiere und immer noch eintreffende Post im Briefkasten werden nach Sinnhaftigkeit sortiert und entrümpelt. Je mehr  man in die Tiefen des Hauses, der Schränke und Regale hineingeht, desto erdrückender scheint der Moment. Alles was meine Großeltern einst waren, fügt sich zusammen. Schier nicht enden wollende Habseligkeiten kommen zum Vorschein. Alles ohne großen finanziellen Wert und doch verkörpern sie ein ganzes Leben. Ein Leben, das dieses Haus erfüllte.

Es ist unmöglich an jedem Gegenstand festhalten zu wollen, egal wie stark das Herz bei jedem Weiteren „Das kann eigentlich weg“ wieder und wieder zerspringt.

Die Kommode, nach der sich mein Opa immer umdrehte, um mir zum Geburtstag einen Umschlag mit Geld zu geben, ist ausgeräumt. Die Auszeichnungen an der Wand wurden abgenommen. Bücher, Geschirr, Weihnachtsdekoration. Alles liegt aufgereiht da, um eventuell abgeholt zu werden. Alles, was dann bleibt, wird in einer finalen Großräumaktion entsorgt. Die Schubfächer sind geleert. Sein Stuhl an der Stirnseite des Tisches bleibt leer.


Toepfe

Licht


Es bleiben jedoch kleine Momente, in denen die Ordnung noch vorhanden zu sein scheint. In der Garage, seinem Reich, hängen Schraubenschlüssel fein säuberlich nach Größe sortiert an der Wand. Nägel sind nach Form in verschiedene Schachteln aufgeteilt. Eine Schicht aus grauem Staub liegt schützend auf Allem. Die Bohrmaschine scheint versteinert. Man hat das Gefühl sie sei mit ihrer Arbeit noch nicht fertig. Mitten in Prozess abgebrochen. So oder so ähnlich erscheint mir der gesamte Ist-Zustand.


Garten       Bohrmaschine


Inzwischen liegt eine Stille über dem Garten. Das Haus  leer und unbewohnt. Es wird länger da sein, als mein Opa. Er war ein Teil der Geschichte des Hauses.  Für mich sind meine Großeltern die ganze Geschichte.

Vor der Eingangstür stehend, habe ich immer noch das Gefühl, dass er diese gleich öffnet und das sagt, was er immer sagte, wenn ich ihn besuchte. „Na, das ist aber schön, dass du mal wieder da bist. Komm rein, komm rein.“ Und wir gingen hinein und setzten uns. Ich auf die Eckbank, er auf den Stuhl an der Stirnseite.

Ordnung muss sein.

 

 

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